Montag, 10.09.2018

Thema Hygiene: "Das Krankenhaus" im Gespräch mit Dr. Dr. Wolfgang Treder, Chefarzt am St. Franziskus-Hospital Münster

Das Kompetenzzentrum „Mikrobiologie und Hygiene“ der St. Franziskus-Stiftung Münster (SFS) wurde Anfang Mai mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet. Welches Konzept steht dahinter? Die Fachzeitschrift "Das Krankenhaus" sprach mit Dr. Dr. Wolfgang Treder (vgl. Ausgabe 6/2018).

Dr. Dr. Wolfgang Treder, Chefarzt am St. Franziskus-Hospital Münster und Leiter des Kompetenzzentrums Mikrobiologie und Hygiene der St. Franziskus-Stiftung Münster.

Die St. Franziskus-Stiftung Münster hat sich 2013 dazu entschieden, ein eigenes Kompetenzzentrum für Mikrobiologie und Hygiene am Standort St. Franziskus-Hospital Münster aufzubauen und dazugehörige Kompetenzen in den Bereichen Mikrobiologie, Infektiologie und Krankenhaushygiene zuetablieren. Wir verfolgen damit ein umfassendes interdisziplinäres Gesamtkonzept für mehr Patienten- und auch Mitarbeitersicherheit mit Fokus auf Schutz vor Keimübertragung, Infektionsvermeidung und einem übergreifenden Infektionsmanagement. Ein 22-köpfiges Team, davon fünf Ärztinnen und Ärzte, arbeitet im Kompetenzzentrum. Im eigenen mikrobiologischen Labor werden bis zu 1.000 Untersuchungsproben pro Tag bearbeitet. Die Effekte unseres Konzepts sind direkt greifbar: Die im Kompetenzzentrum gebündelten Fachdisziplinen sind eng mit den klinischen Abteilungen, der Pflege, den Hygienefachkräften und den klinischen Pharmazeuten verzahnt. Das hat zu einer selbstverständlichen interdisziplinären Zusammenarbeit nah am Patienten geführt. Eine hauseigene mikrobiologische Diagnostik mit kurzer Untersuchungsdauer, täglicher Verfügbarkeit rund um die Uhr für die mikrobiologische Elementardiagnostik und ein sehr schneller Probentransportservice ermöglichen eine optimierte Behandlung von Patienten mit Infektionen. Auch„mikrobiologische Notfälle“ werden gezielt bearbeitet. Das Konzept schließt auch die EDV Labor-Anbindung in unser Krankenhaus-Informations-System (KIS) ein. Der Zeitvorteil bei lebensbedrohlichen Blutstrominfektionen kann bis zu 24 Stunden betragen. Die Antibiotic-Stewardship (ABS)-Strukturen führen zu einer Steuerung der Verbräuche von Antiinfektiva. Dies wird im Rahmen der Verbrauchssurveillance der Antiinfektiva und mittels Resistenzstatistiken sowie Punktprävalenzstudien regelmäßig überprüft. Als direkte Folge sinken unter anderem die im Krankenhaus erworbenen Clostridium-difficile-Infektionen, die eine Hauptursache der antibiotika-assoziierten Diarrhoen sind. Therapeutisches Drug Monitoring(TDM) für ausgewählte Antiinfektiva hilft, bei kritisch erkrankten Patienten eine Dosierung für individuelle Situationen zu finden. So können zum Beipiel die Konzentration für Betalaktamantibiotika und Antimykotika im Serum, aber auch die Serumkonzentrationen von Vancomycin und Gentamicin am Automatensystem bestimmt werden.Das Team des Kompetenzzentrums wird auch bei Baumaßnahmen im Krankenhaus oder bei der Beschaffung von Medizinprodukten eingebunden.Der Patient erhält dadurch die bestmögliche und interdisziplinär abgestimmte Therapie, die auch im Fortgang der Behandlung engmaschig kontrolliert und wenn nötig angepasst wird.

Wie sieht ein effektives Infektionsmanagement aus?

Das Zusammenwirken verschiedener Fachdisziplinen ohne zeitliche Verzögerungen ist der zentrale Schlüssel für ein verbessertes Behandlungsergebnis bei Infektionspatienten. In einem effektiven Infektionsmanagement werden auch alltägliche Themen wie Festlegungen von Hygienezielen und konkreten Verantwortlichkeiten,Vereinbarungen hygienerelevanter Abläufe, aber auch die Kontrollen und Prüfungen der Ergebnisqualität, ggf. verbunden mit einem Eskalationsmanagement, bearbeitet. Dazu zählen auch entsprechende Einweisungen und Schulungen, zum Teil auch online.

Was ist wichtig bei der Behandlung von Patienten mit Infektionen?

Kurz gesagt: das richtige Antiinfektivum für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Dosierung und Applikationsform. Zur erfolgreichen Behandlung einer Infektion gehört im ersten Schritt die richtige Diagnose,also die Zuordnung von Befunden zu einem Krankheitsbegriff oder zu einer Symptomatik, und der damit verbundenen Indikationsstellung. Bei einigen Patienten ist keineswegs immer sofort und eindeutig erkennbar, ob eine Infektion oder eine andere Erkrankung vorliegt. Es müssen also zunächst einige Schlüsselfragen beantwortet werden: Handelt es sich überhaupt um eine Infektion? Wenn ja, welches ist der Erreger? Gibt es für diesen Erreger eine Standardtherapie mit oder ohne antiinfektive Therapie? Gibt es möglicherweise Resistenzen, die zu beachten sind? Weitere wichtige Fragen sind die nach der Substanzauswahl, der Verträglichkeit von eingesetzten Substanzen und der Dosierung. Von überragender Bedeutung ist schließlich, rechtzeitige mit einer antiinfektiven Therapie zu beginnen, mit einem wirksamen Präparat, wenn eine Infektion zweifelsfrei diagnostiziert wurde. Das bedeutet, es muss schnell gehen – sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Übermittlung der Befunde.

Wie können Hygienemängel im Krankenhaus vermieden werden?

Zu den wichtigsten Voraussetzungen zählen geeignete personelle und organisatorische Ressourcen und Strukturen. Nur dann können für die Hygiene relevante Verfahrensanweisungen erarbeitet, formuliert und vor allem bei den Mitarbeitern in der Pflege und im ärztlichen Dienst geschult, verbindlich eingeführt und konsequent nachgehalten werden. Daneben spielt allerdings auch der menschliche Faktor eine entscheidende Rolle. Unverzichtbar ist die kontinuierliche Motivation und Alltagsbegleitung vor Ort, etwa bei der Erfüllung der Grundvoraussetzungen der Händehygiene,einer professionellen interdisziplinären Kommunikation, der Umsetzung notwendiger Strukturen der Krankenhaushygiene– organisatorisch und personell. Auf diese Weise entsteht und wächst ein angemessenes, notwendiges Hygienebewusstsein bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, und parallel werden das erforderliche Wissen sowie notwendige Kompetenzen und Qualifikationen erworben.

Sie selbst sind Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Zum Team des Kompetenzzentrums gehören 22 Fachleute. Doch nicht jedes Krankenhaus verfügt über diese geballte Fachkompetenz und ein eigenes mikrobiologisches Labor. Was können diese Häuser tun?

Die St. Franziskus-Stiftung mit ihren 15 Krankenhäusern sowie neun Behinderten-und Senioreneinrichtungen beschäftigt etwa 12 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 2017 wurden etwa 172.000 stationäre und über 350 000 ambulante Patientinnen und Patienten versorgt. Die Einrichtung des Kompetenzzentrums mit seiner breiten fachlichen Abdeckung hat anfänglich ein hohes Investitionsvolumen erfordert, dessen volle Refinanzierung nicht aus dem laufenden Betrieb des Kompetenzzentrums erwirtschaftet werden kann. Dennoch liegt der Mehrwert für den Patienten direkt, aber auch für die Klinik auf der Hand: Die Qualität und Patientensicherheit haben erheblich zugenommen. Der klinische Erfolg ist messbar und überzeugend. Außeruniversitäre Einrichtungen können ein solches Kompetenzzentrum als Gemeinschaftsprojekt etablieren oder sich bereits bestehenden Zentren anschließen. Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen. 

Leitthema Antibiotikaresistenz im Bundesgesundheitsblatt

„Die wichtigsten Grundsätze zur Eindämmung von Resistenzen liegen auf der Hand: Infektionen vermeiden und Antibiotika nur dann einsetzen, wenn es notwendig und sinnvoll ist“, betont Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, anlässlich der Veröffentlichung einer Schwerpunkt-Ausgabe des Bundesgesundheitsblatts zum Thema Antibiotikaresistenzen. Die Mai-Ausgabe enthält insgesamt zwölf Beiträge und ermöglicht einen Überblick über die Herausforderungen und komplexen Lösungswege zur Verringerung der Resistenzproblematik. Das Themenheft orientiert sich an den fünf strategischen Zielen des globalen Aktionsplans der Weltgesundheitsorganisation zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen: Aufmerksamkeit und Wissen zum Thema erhöhen (vier Beiträge), durch Surveillance eine Faktenbasis schaffen (zwei Beiträge), Infektionsprävention und Infektionskontrolle stärken, da jede verhinderte Infektion den Einsatz von Antibiotika vermeidet (zwei Beiträge), die Optimierung des Antibiotika-Einsatzes in Human- und Tiermedizin (drei Beiträge) sowie Forschung an neuen Wirkstoffen (ein Beitrag). Durch alle Beiträge zieht sich der One-Health-Gedanke, wonach die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt unmittelbar miteinander verknüpft sind. „Tatsächlich ist die Antibiotikaresistenz das Paradebeispiel für One-Health-Ansätze“, betonen Lothar H.Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts,und Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, im Editorial des Bundesgesundheitsblatts. Weitere Informationen: www.rki.de/antibiotikaresistenz